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2006-06-12 09:53:39
„Google ist das Tor zur Welt
Statements von Google-Nordeuropa-Chef Philipp Schindler in der FAZ:
Für Philipp Schindler, den Nordeuropa-Chef der Internet-Suchmaschine
Google, ist der deutsche Markt ein Rätsel. "Google ist bei den
deutschen Internetnutzern sehr beliebt. Aber mehr als die Hälfte der
Wirtschaftslenker in Deutschland weiß nicht, wie unser Geschäft
funktioniert und wie Google die Werbewirtschaft revolutionieren wird.
Und das, obwohl Google im vergangenen Jahr 6,1 Milliarden Dollar Umsatz
mit Online-Werbung erzielt hat. Das ist in England oder in Amerika ganz
anders", sagt Schindler im FAZ-Gespräch.
Unternehmen werben nicht dort, wo ihre Kunden sind
Diese Unkenntnis ist für ihn ein wichtiger Grund, warum die
Online-Werbung in Deutschland bisher erst einen Anteil von 4,4 Prozent
an den gesamten Werbeausgaben erreicht hat. Das, sagt Schindler, ist
ein schwerer Fehler. "Die Ausgaben für Online-Werbung liegen dramatisch
unter der tatsächlichen Nutzung der Menschen, die rund 20 Prozent ihrer
Medienzeit im Netz verbringen. Diese Strukturlücke ist in Wirklichkeit
sogar noch größer als die einfache Differenz der beiden Zahlen, denn
der Anteil der aktiven Produktsuche an der Internetzeit ist weit höher
als in anderen Medien. Zudem ist die durchschnittliche Kaufkraft der
Internetnutzer größer als die Kaufkraft der Fernsehzuschauer", sagt
Schindler. Sein Fazit: Die Unternehmen investieren nicht dort in
Werbung, wo ihre Kunden sind. "Wer heute weniger als 20 Prozent seiner
Budgets in die Online-Welt investiert, verpaßt seine besten
Zielgruppen", sagt Schindler.
Viele Produktkäufe werden im Internet vorbereitet
Die Wirkung dieses Fehlers werde von einer Eigenart des deutschen
Markts noch verschärft: "Die Neigung, Produktkäufe im Internet
vorzubereiten, dann aber im stationären Geschäft zu kaufen, ist in
Deutschland sehr ausgeprägt. In einigen Produktgruppen laufen heute
mehr als 80 Prozent aller Kaufvorbereitungen einschließlich der
Entscheidungen für ein Produkt nur noch online ab - gekauft wird dann
aber im Geschäft", verweist Schindler auf Marktforschungsergebnisse.
Bestes Beispiel sei die Autoindustrie: Vor einigen Jahren sei ein
Autokäufer im Durchschnitt zu etwa sechs Händlern gegangen, bevor er
gekauft habe. Heute liege der Durchschnitt bei 1,2 Händlern, weil die
Menschen ihre Informationen im Netz finden, die Entscheidung am Rechner
treffen und dann gezielt bei einem Händler kaufen.
ROI-Rechnungen systematisch falsch
Genau diese, im Internet ausgelösten, aber bisher kaum meßbaren
Offline-Käufe, führen nach Schindlers Ansicht zu systematisch falschen
Bewertungen im Controlling: "Die Unternehmen registrieren relativ hohe
Abbruchquoten in ihren Online-Shops, können aber nicht messen, wie
viele Offline-Käufe ihren Ursprung im Internet hatten. Als Folge sind
viele interne Return-on-Investment-Rechnungen komplett falsch. Die
Online-Tochtergesellschaften der stationären Händler bekommen daraufhin
beinharte Vorgaben und klagen, sie könnten nicht mehr für Werbung
ausgeben, da ihre Kosten sonst zu hoch werden. Aber warum? Weil 50, 60,
80 Prozent der Kunden, die im Internet gewonnen werden, aber offline
kaufen, nicht mitgezählt werden. Aufgrund dieser falschen Rechnung
bauen die Unternehmen ihren Online-Vertrieb nicht schnell genug aus. In
Amerika und Großbritannien wird mehr nach Gefühl investiert. Die
Deutschen messen sich zu Tode", sagt Schindler.
„Google ist das Tor zur Welt“
Die reinen Online-Händler verrechnen sich dagegen nicht, weil sie keine
Kanalkonflikte haben. "Die Unternehmen, die die neuen Mechanismen
verstehen, erarbeiten sich im Moment signifikante Wettbewerbsvorteile,
einschließlich markenbildender Effekte für ihre
Online-Tochtergesellschaften. Diese Lücke wird schlagartig größer",
sagt Schindler. Kleine und mittlere Unternehmen passen sich nach seiner
Beobachtung erheblich schneller an als die Großunternehmen. Ein gutes
Beispiel sei die Firma Meta aus dem Westerwald, die Trennwände für
Toiletten herstellt. Das Unternehmen hat alle Werbeplätze bei Google
gebucht, die mit dem Thema Toilettentrennwände zu tun haben - und das
nicht nur in Deutschland, sondern in allen 30 Sprachen. Die Folge:
"Meta ist inzwischen einer der weltgrößten Anbieter von
Toilettentrennwänden. Das letzte Mal, als uns der Chef besucht hat,
haben wir ihn in seinem Privatjet abgeholt", sagt Schindler.
Dem Beispiel folgen inzwischen Hunderttausende Unternehmen: "Google
stellt für kleine und mittlere Unternehmen das Tor zur Welt dar. Das
ist die große unerzählte Geschichte von Google: In der Vergangenheit
konnten nur große Unternehmen Werbung in aller Welt schalten. Heute
können alle mit einem Klick Werbung bei Google in 30 Sprachen buchen
und für wenig Geld auf dem Weltmarkt präsent sein. Mehr als ein Drittel
unserer Kunden tut das auch. Mit der Werbung bei Google sind mehr
Menschen zu Millionären geworden als intern mit dem Börsengang", sagt
Schindler. Google sei der effizienteste Marketing- und Vertriebskanal
zum Erreichen der heutigen Konsumenten.
Werbeausgaben werden umgeschichtet
Er hofft, daß die deutschen Unternehmen die Strukturlücke in den
kommenden zwölf bis 18 Monaten erkennen und damit beginnen, ihre
Werbeausgaben umzuschichten. "Wir werden in Deutschland sehr hohe
Zuwächse in der Online-Werbung sehen. Google wird in Deutschland noch
viel Spaß haben", sagt Schindler. Traurig mußte in der Hamburger
Google-Niederlassung auch bisher niemand sein. Offizielle
Geschäftszahlen nennt Google nicht, aber eine Ableitung fällt nicht
schwer: Google hat im vergangenen Jahr in aller Welt 6,14 Milliarden
Dollar Umsatz erzielt. Der Anteil Großbritanniens betrug rund 14
Prozent, also etwa 850 Millionen Dollar. Der deutsche Umsatzanteil
liegt unter 10 Prozent und wird daher nicht veröffentlicht. Werden aber
die Anteile von Google am deutschen und am britischen Online-Werbemarkt
ins Verhältnis gesetzt, dürfte Google in Deutschland im vergangenen
Jahr rund 500 Millionen Dollar Umsatz erzielt und - bei Google-üblichen
Margen - etwa 200 Millionen Dollar verdient haben. Die Suchmaschine
würde damit allein knapp die Hälfte des deutschen Online-Werbemarktes
auf sich vereinen und - mit Abstand - den größten Gewinn erzielen.
„Wir wollen die restlichen 96 Prozent des Werbemarktes“
Vor allem aber weist Google die größte Dynamik im Online-Werbemarkt
auf. Der Suchmaschinen-Markt in Deutschland hat sich im vergangenen
Jahr mehr als verdoppelt. Und so sieht Schindler wachsende Konkurrenz,
zum Beispiel von Yahoo oder Microsoft, gelassen. "Wir wollen uns nicht
mit Konkurrenten um den 4-Prozent-Anteil der Online-Werbung streiten.
Wir wollen an die restlichen 96 Prozent des Werbemarktes", sagt er.
Denn seiner Meinung nach werden die Suchmaschinen den Werbemarkt
revolutionieren. "Google hat mehrere große Änderungen in die
Werbewirtschaft eingebracht. Die erste Änderung betrifft die direkte
Ansprache der Zielgruppe. Wenn ein Nutzer einen Begriff in die
Suchmaschine eingibt, bekommt er nur relevante Werbung eingeblendet,
die zu diesem Begriff paßt. Davon hat die Werbewirtschaft 20 Jahre lang
geträumt. Zudem ist unser Auktionsmechanismus mit Abstand der
effizienteste Weg, Angebot und Nachfrage zusammenzubringen. Und zum
Schluß: Die Werbung findet künftig auf digitalen Plattformen statt und
läßt sich über extrem leistungsfähige Computersysteme automatisch
steuern. Die Kombination aus Relevanz, Auktionsmechanismus und
Automatisierung - gekoppelt mit der Digitalisierung - wird die
Werbebranche in den kommenden 20 Jahre revolutionieren", sagt Schindler.
Google in der Zeitung, im Radio und auf dem Handy
Dies gelte aber nicht nur für das Internet. Google hat begonnen, seine
Plattform-Philosophie auf andere Medien zu transportieren. "Mit dem
gleichen Auktionsmechanismus haben wir begonnen, Radio-Spots in
Radiosender einzuspielen. In New York testen wir außerdem, wie wir
zielgerichtete Werbung in Zeitungen plazieren können. Und in Japan
probieren wir Handy-Werbung aus. Das sind Prototypen, um unser System
in andere Mediengattungen auszudehnen", sagt Schindler.
Die Revolution in der Werbung wird einen fundamentalen Wandel in der
Medienlandschaft nach sich ziehen. "Die klassische Markenbildung, zum
Beispiel mit einem 30-Sekunden-Werbespot, wird in einer fragmentierten
Medienlandschaft - bestehend aus Fernsehen, Zeitung, Internet, Handy,
Videospiele - nur noch auf einer Plattform funktionieren. Irgendein
Medium muß das Interesse, das in den anderen Medien für eine Marke
erzeugt wird, aufnehmen. Das wird das Internet sein. Das, was wir heute
schlicht als Website bezeichnen, ist die am meisten unterschätzte
Möglichkeit, effiziente Markenbildung zu betreiben. Wie das geht, zeigt
zum Beispiel Adidas mit seiner Modemarke Y-3. Das ist spektakulär -
aber die Meisten sind noch nicht soweit", sagt Schindler.
Fernsehsender müssen Angst vor ihren Zuschauern haben
Die beginnende Fragmentierung der Medienlandschaft bedeute aber nicht,
daß die klassischen Medien wie Fernsehen oder Zeitungen verschwinden.
"Es wird auch in 100 Jahren noch das Bedürfnis geben, in entspannter
Haltung fernzuschauen oder Artikel guter Journalisten zu lesen. Aber
die Plattform, auf die die Inhalte der Fernsehsender und Zeitungen zum
Konsumenten gelangen, wird das Internet sein. Die Art und Weise, wie
werbetreibende Unternehmen und Konsumenten in einem System
zusammengebracht werden, wird sich ändern. Werbeleistungen werden
komplett auf digitalen Plattformen stattfinden - und zwar automatisiert
und individuell an den Bedürfnissen der Zielgruppen ausgerichtet",
blickt Schindler nach vorne und schickt eine Warnung an die
Fernsehsender hinterher. "Die Fernsehsender müssen keine Angst vor
Google haben, sondern vor den Zuschauern, die ihr
Mediennutzungsverhalten geändert haben, und davor, daß die
werbetreibenden Unternehmen dies irgendwann merken. Die Fragmentierung
geht eindeutig zu Lasten des Fernsehens. Wir wissen, daß die
Fernsehnutzung in den relevanten Zielgruppen immer mehr abnimmt", sagt
Schindler.
Je mehr die Unternehmen verstehen, wie sie das Internet effizient für
Werbung nutzen können, desto größer sei aber die Chance für
Medienhäuser, im Internet selbst mit hochwertigen Inhalten Werbeerlöse
zu erzielen. "Ich bin fest davon überzeugt, daß die Erlöse aus dem
Online-Geschäft die sinkenden Werbeeinnahmen im klassischen Geschäft
kompensieren können", sagt Schindler. (FAZ.net, 11. Juni 2006)
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