Der Krieg der Suchmaschinen
Kampf der Suchmaschinen: Das
Geschäft mit Werbe-Links boomt. Marktführer Google wird von der
Konkurrenz gejagt und verliert den Wettlauf um den gläsernen Kunden.
Bill Gates kann es nicht ausstehen, wenn er einen Trend
verschläft. Das steile Wachstum der Suchmaschinen-Branche war so ein
Trend: "Googles Erfolg ist für uns wie ein Tritt in den Hintern",
gestand der Microsoft-Gründer beim letzten World Economic Forum in
Davos. Inzwischen ist Microsoft aber auf dem besten Weg, sich als die
neue Nummer Drei der Suchmaschinen zu etablieren, gleich hinter Google
und Yahoo. Zwischen den drei Unternehmen tobt ein Konkurrenzkampf, der
so erbittert ausgetragen wird, dass die Presse im Silicon Valley nur
noch vom "Search Engine War" spricht, dem Krieg der Suchmaschinen.
Jüngstes
Beispiel ist die Taktik Yahoos, einen seit zwei Jahren schwelenden
Patentrechtsstreit mit Google bis kurz vor dem Börsengang köcheln zu
lassen. Erst Anfang dieser Woche bot Yahoo nun einen Kompromiss an, mit
dem Google vor seinen nervösen Investoren gerade noch rechtzeitig das
Gesicht wahrt, gleichzeitig aber 2,7 Mio. Google-Aktien an Yahoo
verliert.
Google ist zwar noch immer der Marktführer, ihre
einstige Dominanz unter den Suchmaschinen werden die Gründer Larry Page
und Sergej Brin aber wohl nie mehr zurückerobern können. Noch vor einem
Jahr wurden drei Viertel aller Suchanfragen im Internet direkt oder
indirekt von Google beantwortet. Yahoo und Microsoft betrieben damals
keine eigenen Suchmaschinen, sondern ließen sich die
Websucherergebnisse und die gesponserten Werbelinks für ihre Portale
von Dienstleistern wie Google, Looksmart, Inktomi und Overture
einspeisen.
Inzwischen hat sich das Blatt gewendet: Gesponserte Suchergebnisse
sind das am schnellsten wachsende Werbesegment in der Geschichte der
Werbung. Das Geschäft mit gesponserten Links hat in den USA bereits ein
Marktvolumen von 2,6 Mrd. Dollar erreicht. Für 2009 erwartet das
Marktforschungsinstitut JupiterMedia sogar ein Volumen von 5,5 Mrd.
Dollar. JupiterMedia ist zwar bekannt für seinen notorischen
Optimismus, doch die meisten Internet-Experten glauben, dass
Suchmaschinen-Marketing ein milliardenschwerer Wachstumsmarkt ist.
Der Erfolg dieser Werbeform ist vor allem Google und seinem Pay-Per-Click-Preismodell
zu verdanken: Als erste große Suchmaschine verlangte Google von seinen
Werbekunden nur noch Geld, wenn ein Besucher tatsächlich auf den
jeweiligen Werbelink klickt. Inzwischen gibt es keine andere Werbeform,
die derart präzise Kostenkontrolle und Wirksamkeitsmessung erlaubt wie
die Pay-Per-Click-Werbung auf Suchmaschinen.
Statt Werbung nach dem Gieskannen-Prinzip über einer meistens zu
breit gefächerten Zielgruppe auszuschütten, erscheinen die
Suchmaschinen-Anzeigen idealerweise nur dann, wenn zuvor ein inhaltlich
passender Suchbegriff eingegeben wurde. Anders als die Konkurrenz zog
Google auch von Anfang an eine strikte Trennlinie zwischen seinen
natürlichen Suchergebnissen und den als Werbung gekennzeichneten
Anzeigen.
Bis heute ist es nicht möglich, sich in den Such-Index von Google
einzukaufen. Bei den meisten anderen Suchmaschinen ist dies längst
üblich und wird als "Paid Inclusion Service" angeboten. Auch der
Mindestpreis einer Google-Werbekampagne
schockierte die Konkurrenz. Statt teuerer Mindestbuchungen verlangt
Google nur noch eine Start-Gebühr von fünf Euro und eine Mindestgebühr
von fünf Cents pro Klick. Allein 2003 erwirtschaftete Google damit über
100 Mio. Dollar Profit.
Yahoo erkannte das neue Werbephänomen zwar spät, reagierte dann aber
umso aggressiver. Zuerst kaufte Yahoo für 233 Mio. Dollar den
Suchmaschinen-Dienstleister Inktomi, dessen Suchindex qualitativ mit
Google vergleichbar ist. Im letzten Herbst übernahm Yahoo dann für rund
2,2 Mrd. Dollar den Pionier im Geschäft mit gesponserten
Suchergebnissen, die Firma Overture. Mitte Februar dieses Jahres
beendete Yahoo nun die Zulieferungen von Google und kann damit den
gesamten Erlös aus dem Geschäft mit gesponserten Suchergebnissen im
eigenen Haus behalten.
Microsoft übernimmt derzeit zwar noch Suchergebnisse und Werbelinks
von Yahoo, seit Anfang letzten Jahres ist aber Microsofts
Software-Crawler MSNbot im Internet unterwegs, um möglichst schnell
einen eigenen Suchindex zu errichten. Der Index umfasst bereits mehr
als eine Milliarde Webdokumente, das entspricht etwa einem Viertel der
Google-Datenbank. Eine erste Kostprobe seiner Suchkompetenz gab
Microsoft letzte Woche mit dem neuen Nachrichten-Suchportal
Newsbot.msnbc.msn.com - ein Frontalangriff auf die vergleichbaren
Angebote von Yahoo und Google-News. Neben der wachsenden Konkurrenz
durch Yahoo und Microsoft hat Google aber noch eine ganze Reihe
weiterer Probleme: Google profitierte bisher vom populären Image des
kleinen, unterschätzten Newcomers, der einst erfolgreich gegen die
etablierten Riesen der Branche antrat.
Der überteuerte Börsengang dürfte Googles sympathisches
"David-gegen-Goliath-Image" nun nachhaltig beschädigen. "Die
Google-Aktien werden ja noch härter rationiert als einst die Kartoffeln
in der Sowjetunion", spottet beispielsweise Peter Thiel, der Gründer
von PayPal, und spricht damit vielen im Silicon Valley aus dem Herzen,
die den Börsengang für maßlos halten.
Auch die lang gehegte Hoffnung, der Google-Börsengang könne einen
zweiten Internetboom anfachen ist im Valley verflogen. Der geplante
Ausgabepreis ist schlicht zu hoch. Es ist auch zu erwarten, dass Google
im Lauf des nächsten Jahres einige seiner besten Mitarbeiter verlieren
wird. Nach jahrelangem Hoffen auf den Börsengang sind es im Silicon
Valley oft die talentiertesten Angestellten, die nun die Chance nutzen,
um mit dem Aktiengewinn ihre eigenen Startups zu gründen.
Neben diesen typischen Begleiterscheinungen eines milliardenschweren
Börsengangs scheint Google auch ein grundlegendes Problem mit seinem
Geschäftsmodell zu haben: Das Marktforschungsinstitut
Nielsen/Netratings veröffentlichte Mitte Juli eine Studie, derzufolge
die Nachfrage der Werbekunden nach Suchmaschinen-Sponsoring sehr viel
schneller wächst als die dafür nötige Zahl der Suchmaschinen-Nutzer.
Ein gesponserter Werbelink kann schließlich nur dann generiert werden,
wenn zuvor von einem Nutzer eine passende Suchanfrage eingegeben wurde.
Ein solcher Mangel an Werbeflächen würde zwar auch Yahoo treffen, im
Gegensatz zu Yahoo erwirtschaftet Google aber mindestens 80 Prozent
seiner Gesamteinnahmen aus dem Geschäft mit Werbelinks und ist deshalb
verwundbarer.
Um schnell neue Werbeflächen zu schaffen, erwarb Google schon im
letzten Jahr die Firma Blogger.com, die auf ihren Servern etliche
hunderttausend Blogs verwaltet, in die nun ebenfalls inhaltlich
passende Google-Werbelinks eingespeist werden können.
Neue Werbeflächen erhofft sich Google auch von seinem Social Network
Orkut.com, seiner Produktsuchmaschine Froogle und vor allem dem neuen
E-Mail-Service G-Mail, einem direkten Angriff auf die
Free-Mail-Angebote von Yahoo und Microsoft-Hotmail.
Mit dem E-Mail-Service will Google aber nicht nur Werbeflächen
schaffen, sondern auch noch einen fataleren Wettbewerbsnachteil
beheben: Im Gegensatz zu Yahoo und Microsoft besitzt Google bisher
keine personalisierbaren Daten über seine Nutzer. Für den nächsten
wichtigen Trend im Suchmaschinengeschäft, die Personalisierung und
Lokalisierung von Suchergebnissen, sind diese Daten aber unverzichtbar.
Yahoo beispielsweise hat mehr als 140 Millionen registrierte Nutzer,
die sich damit einverstanden erklärt haben, dass ihr Suchverhalten via
Cookie beobachtet wird. Gemeinsam mit den freiwillig preisgegebenen
Daten über Wohnort, Geschlecht, Beruf, Hobbies, Kreditkartennutzung und
Einkommen lassen sich bald relevantere Suchergebnisse ermitteln als mit
der anonymen Google-Suche. Microsoft wird hier aller Voraussicht nach
noch einen Schritt weiter gehen als Yahoo und seine neue Suchmaschine
mit seinem neuen Betriebssystem Longhorn verknüpfen, das im Jahr 2006
auf den Markt kommt. Der Windows-Nachfolger könnte dann zum Beispiel
ohne Verletzung der Privatsphäre den Inhalt aller Office-Dokumente und
E-Mails auf dem jeweiligen PC indizieren und anschließend die von
Microsofts Websuchmaschine angelieferten Suchergebnisse auf ihre
Relevanz hin vorsortieren.
Selbst Amazon hat inzwischen erkannt, dass seine Nutzerdaten eine Goldgrube für Suchmaschinen sind. Unter www.a9.com
Amazon eine eigene Suchmaschine, die wiederkehrende Amazon-Kunden
erkennt und ihre Suchergebnisse auf die bisherigen Lese- oder
Kaufgewohnheiten der jeweiligen Nutzer abstimmt. Google tappt hier
vergleichsweise noch im Dunkeln.
Googles Abhängigkeit vom Suchmaschinen-Marketing
macht das Unternehmen auch verwundbarer gegen jede Form von Missbrauch.
Je teuerer ein Klick auf einen Werbelink wird, umso größer wird
beispielsweise die Verlockung für die Konkurrenz, diesen Link via
Software zigtausendfach zu klicken, um damit das Werbebudget des
Gegners schnell aufzubrauchen. In seinen Pflicht-Dokumenten für die
US-Börsenaufsicht gibt Google erstmals zu: "Wir haben regelmäßig
Werbegebühren rückerstattet, die mit betrügerischen Klicks zu tun
hatten. Sollten wir nicht in der Lage sein, diese betrügerischen
Aktivitäten zu stoppen, könnten diese Erstattungssummen in Zukunft
steigen." Einem Bericht der Times of India zufolge, gibt es in Indien
inzwischen einen ganzen Berufszweig von "Klickern", die nichts anderes
machen, als gesponserte Links anzuklicken, um damit beispielsweise die
Konkurrenten ihrer Auftragsgeber zu schädigen.
Die
Registrierungsfrist für Googles eigenwillige Aktien-Auktion endet am
heutigen Donnerstag. Die Vielzahl von Pannen bei der Vorbereitung des
Börsengangs und der hohe Ausgabepreis haben in der US-Presse bereits
einen Stimmungsumschwung ausgelöst. Der "San Franciso Chronicle"
schreibt, der Börsengang sei ein gieriger Trick, um den kleinen Leuten,
die es nicht besser wüssten, das Fell zu scheren, und gipfelt sogar in
dem Ausruf "Shame on Brin and Page!" Eine Yahoo-Aktie kostete in den
letzten Wochen zwischen 25 und 36 Dollar. Google plant dagegen einen
Erstausgabepreis von 108 bis 135 Dollar pro Aktie, das entspräche einem
Unternehmenswert von etwa 36 Mrd. Dollar. Google verdient es, für seine
einstige Pionierleistung die Ernte einzufahren. Ein Ausgabepreis von
über 100 Dollar aber ist halsbrecherisch; nicht nur für Google, sondern
auch für das gerade erst mühsam wiederhergestelltes Ansehen der
gesamten Internet-Branche.
Aus: Die Welt am 12.8.2004